Sozialdienst katholischer Frauen Aachen

Das Leben von Paul ist nervenaufreibend (AN 20.10.14)

Paul AN 20.10.14
Datum:
Fr. 24. Okt. 2014
Von:
Michael Fegers

Mo, 20. Okt. 2014Aachener Nachrichten - Stadt / Lokaltitel Aachen / Seite 23

Das Leben von Paul ist nervenaufreibend

Der Labrador steht seit mehr als zwei Jahren in Diensten der Kita Rokoko in der Robert-Koch-Straße und leistet wertvolle Hilfe

Von Werner Breuer

Aachen. Paul ist im Stress: hinlegen, wieder aufstehen und Besucher begrüßen, wieder hinlegen, viele Kinderhände, die nach ihm greifen und dann noch diese verdammten Bälle, die vor ihm weglaufen. Das Leben als Kita-Hund ist mitunter nervenaufreibend. „Deshalb braucht Paul jetzt eine Pause“, sagt Kita-Leiter Michael Fegers und bringt den Labrador-Rüden ins Büro.

Das kennt Paul als Pausenraum nun schon seit rund zweieinhalb Jahren. Am 21. Mai 2012 hatte er seinen ersten Arbeitstag in der Kita Rokoko in der Robert-Koch-Straße. Seither hat er pädagogisch eine Menge geleistet. Er vermittle den Kindern Selbstbewusstsein und Verantwortungsgefühl, meint Fegers, er übernehme wichtige Rollen bei lehrreichen Spielen. „Und oft ist er auch so etwas wie ein Türöffner“, berichtet Erzieher Guido Thissen. Einige Kinder müssten morgens erst Paul streicheln und ihm ihre Erlebnisse erzählen, bevor sie offen seien für die Gruppenarbeit. „Manchmal reden sie lieber mit dem Hund als mit uns“, weiß Fegers. Klar: Paul quatscht nicht dazwischen, gibt keine Widerworte und tratscht auch nichts weiter.

Paul kann man vertrauen. Und wer ihm vertraut, der traut sich selbst etwas mehr zu. Zum Beispiel beim Slalom: „Dann bilden die Kinder die Stangen und der Hund läuft um sie herum“, erklärt Fegers. Wenn der rund 30 Kilo schwere Labrador die Kurve nicht kriegt, fällt die kindliche Slalomstange um, steht wieder auf und fühlt sich gut. „Die sind stolz, wenn sie das gemeistert haben“, weiß Thissen. Wer sich gar als Hürde auf den Boden legt und Paul über sich hinweg springen lässt, kann anschließend von echten Heldentaten erzählen. „Die Kinder trauen sich dann mehr zu“, sagt Thissen. Michael Fegers weiß etwa von einem kleinen, schüchternen Jungen zu berichten, der aber hoch erhobenen Hauptes mit dem Rüden Gassi geht. „Wenn der den Hund an der Leine hält, wird er auf einmal ganz groß.“

Die Gassi-Runde fällt unter die Rubrik Verantwortung, denn Paul ist ja nicht nur zum Spielen da. Die Kinder lernen auch, sich um die Bedürfnisse des Hundes zu kümmern. Und wenn der beim Spaziergang etwas fallen lässt, muss das aufgesammelt und fachgerecht entsorgt werden, soviel ist auch klar.

Auch sonst bringt der Labrador-Rüde den Kindern eine Menge bei, etwa bei der „Entenjagd“. Dafür werden Plastikenten in verschiedenen Farben in einen Kreis gelegt, den sich die Kleinen einen Moment einprägen können. „Wenn sie sich dann umdrehen, schnappt sich Paul eine Ente und trägt sie weg“, erklärt Fegers. Danach müssen die Kinder sagen, welches Tier der Hund erwischt hat. „So lernen sie die Farben“, sagt Fegers.

Damit er anderen etwas beibringen kann, musste Paul natürlich selbst viel lernen. Und er lernt immer noch: Seit seinem ersten Arbeitstag läuft die Weiterbildung beim Verein Aachener Hundefreunde nebenher. „Dreimal pro Woche ist er in der Hundeschule“, erklärt sein Herrchen Michael Fegers.

Auf dem Stundenplan von Trainerin Dina Brüsseler steht immer wieder Grundgehorsam und Gelassenheit. Denn ein Kita-Hund muss tun, was man von ihm verlangt, und er darf nicht pingelig sein, wenn Kinder mal laut schreien oder hektische Bewegungen machen. „Aber das kennt er seit dem Welpenalter“, sagt Fegers.

Als der kleine Paul damals zur Robert-Koch-Straße kam, hatte Fegers seinen Dienstantritt gut vorbereitet. Mit den Mitarbeitern der Kita, dem Sozialdienst katholischer Frauen als Träger und vor allem mit den Eltern war alles abgesprochen, „sonst hätte das ja keinen Zweck“. Die Idee kam gut an, obwohl in vielen der 19 Nationen, die in der Kita Rokoko vertreten sind, Hunde als Haustiere eher unbekannt sind.

Nun bekommt Paul seine Streicheleinheiten auch von Eltern, die morgens ihre Kleinen zur Kita bringen. „Einmal hat eine Mutter ihren eigenen Hund mitgebracht“, erzählt Thissen, „und als Paul dann gebellt hat, haben sich alle erschreckt.“ Das ist nämlich eigentlich nicht sein Stil, aber wenn so ein fremder Möpp daherkommt, muss ein aufmerksamer Kita-Hund auch klarmachen, wer hier das Hausrecht hat. Unter Hunden läuft das so.

Und weil so ein Hund auf der gegenüberliegenden Seite vom Schwanz eine Schnauze mit scharfen Zähnen hat, können auch Dinge passieren wie vor einigen Wochen in Münster. Dort hatte der Hund einer Kita-Leiterin einen dreijährigen Jungen ins Gesicht gebissen und schwer verletzt. Michael Fegers hat von dem Vorfall gehört – aber nicht genug, um ihn beurteilen zu wollen. „Ich kenne die Hintergründe nicht.“ Aber er weiß auch, dass Paul trotz seiner wichtigen Rolle in der Kita eben ein Hund ist. Anlass zur Sorge hat er bislang aber nicht gegeben.

Gerade deshalb müssen Fegers und sein Team ein anderes Risiko im Blick behalten: Ihre Schützlinge könnten auf den Gedanken kommen, dass alle Hunde so lieb sind wie Paul. „Deshalb erklären wir den Kindern früh den Unterschied“, sagt Fegers: „Das ist Paul – und die da draußen sind die Nicht-Pauls.“

Aachener Hundefreunde haben gespendet

Unterstützung: Der Verein Aachener Hundefreunde, dessen Hundeschule Paul regelmäßig besucht, hat erneut für die Kita Rokoko gesammelt. Nach einem Spendenaufruf sind neben 500 Euro auch viele Sachspenden, etwa Kleidung oder Bücher, zusammengekommen. Das Geld behält die Kita, um etwa Ausflüge oder Ähnliches zu finanzieren. Die Sachspenden werden an die Eltern der Kinder verteilt, die oft in angespannten finanziellen Verhältnissen leben.